Enttäuschung in Murnau

Nun startet der wahre Härtetest. Allein Kilometer zu bolzen, ist zwar auch eine Herausforderung – aber die wahre Kunst ist es, zu zweit möglichst weit zu kommen. Finde zumindest ich. Also steigen Christine und ich am nächsten Morgen frohgemut auf unseren Roller. Das heiße Bad hat gewirkt. Ich fühle mich wieder fit.

Zunächst geht es wieder zurück ins Allgäu. Bei Meister Eder, unserem Lieblings-Bäcker in Füssen, gönnen wir uns noch Kaffee und Butterbrezeln – und dürfen ganz selbstverständlich unser Ladekabel anstecken. Von Christines Wohnung sind es zwar gerade mal 15 Kilometer – aber sicher ist sicher. Das habe ich schließlich an den ersten beiden Tagen meiner Test-Tour schon zu Genüge gelernt.

Spiritueller Ort ei Schwangau: St. koloman.

Aber dann kann es so richtig losgehen. Die Wallfahrtskirche St. Koloman bei Schwangau ist leider geschlossen. Aber auch so ergeben sich tolle Fotomotive – auch mit Schloss Neuschwanstein, bei dem man im Moment den Eindruck hat, als sei hier Christo am Werke. Es ist nämlich verhüllt.

Besuch beim Weltkulturerbe: an der Wieskirche

Der Blick auf das Weltkulturerbe Wieskirche ist hingegen frei. Hier ballen sich die Menschen, um das barocke  Meisterwerk der Gebrüder Zimmermann zu bestaunen. Einmal mehr fällt mir auf, wie viele Italiener es hierher zieht.
Hier bin ich nicht zum ersten Mal, so daß wir bald weiterfahren.
Zwei Stunden hinter Füssen sind wir in Murnau. Meine Tagesplanung sieht vor, hier (50 Kilometer hinter Reutte) den ersten längeren  Stopp zu machen. Den Roller nachzuladen, zum Staffelsee zu spazieren, ein Museum zu besuchen und irgendwo einzukehren.
Doch hier erlebe ich eine enorme Enttäuschung. Ich rufe im Tourismusbüro an, frage nach einer Stromtankstelle. “Gibt es hier nicht.” Ob ich meinen Roller vielleicht bi der Dame in Büro anstöpseln könnte? “Auf gar keinen Fall! Da haut es mir alle Sicherungen raus, und wir sind arbeitsunfähig.” Ob die Dame vielleicht eine andere Lösung kennt? “Gehn Sie halt zu einer normalen Tankstelle!” Christine ist optimistisch. Marschiert zum nahen Bahnhof. Da muß doch eine Steckdose sein. Aber auch hier beißt sie auf Granit: “Nein. Das kostet der Bahn Geld “, lautet die barsche Auskunft.
In den vergangenen Jahren hat das Städtchen Murnau bei mir viele Pluspunkte gesammelt. Aber so schnell werde ich dort nicht wieder hingehen. Weder mit dem Roller noch mit dem Auto.
Dann schon eher nach Kochel am See, wo wir das krasse Gegenteil erleben.
Meine erste Reichweiten-Kalkulation hat Gottseidank nicht gestimmt. Mit etwas Angstschweiß im Genick, aber doch sicher kommen wirkest über 87 Kilometern  am Erlebnisbad Trimini direkt am Seeufer an. Das wird gerade umgebaut.

Sehr hilfsbereit: Daniel Möckel vom Kristall Trimini im Kochel am See

Hier am Eingang sind die Damen die Freundlichkeit in Person, fanden nach dem Schwimmmeister, der gibt grünes Licht. Aber wo ist eine Steckdose? Das weiß Daniel Möckel (offensichtlich ein wichtiger junger Mann bei der Umgestaltung des Bades, das künftig Kristall-Trimini heißt). Der organisiert uns sogar von den Bauarbeitern eine Kabeltrommel, so daß wir uns völlig stressfrei in die Fluten stürzen und die Sauna gehen können, um uns vom doch kalten Fahrtwind etwas aufzuwärmen.
Als wir wieder aufbrechen, ist es indes schon 17.45 Uhr. Und dabei wollten wir doch zum Schliersee. Auf einer möglichst schönen Strecke. Na, dann sind wir mal gespannt.
Den Paß hinüber zum Walchensee hab ich schon mal unterschätzt. Der zieht sich ja endlos, und manchmal hab ich schon meine Zweifel, ob wir nicht schon auf den ersten Kilometern scheitern. Aber dann kommen gottlob erst mal die Paßhöhe und dann die Kehren nach unten.
Gleich bei den ersten Häusern biegen wir nach links ab und sind begeistert von dem schmalen idyllischen Weg direkt am Ufer entlang. Wir genießen die Einsamkeit hier auf dem zum Teil abenteuerlichen Sträßchen in die Jachenau, die um diese Zeit auch erfreulich menschenleer ist.
Per Routenplaner peilen wir bei den ersten Häusern dieses herrlichen Hochtals die Lage. Noch 48 Kilometer. Schaffen wir das tatsächlich noch mit dem Rest unseres Stroms? Und in knapp eineinhalb Stunden? Die Zeit ist wichtig, denn wir müssen eigentlich um 20 Uhr im Hotel sein.
Andere Variante: Nach Achenkirch in Tirol sind es zehn Kilometer weniger. Aber dafür warten dort der Anstieg zum Sylvenstein-Stausee und anschließend der Achenpaß. Auch das ist kein Zuckerschlecken.
Alsdenn: Wir riskieren die rein bayerische Variante! Von Lenggries kommen wir auf Nebensträßchen nach Bad Tölz. Auf der Bundesstraße unterwegs zu sein, nervt schon gewaltig.
Der kluge Mann kennt Varianten. Also: baldmöglichst runter zum Tegensee! Der kluge Mann guckt zuweilen allerdings auch ganz schön dumm aus der Wäsche: Denn in Gmund ist der direkte Weg zum Schliersee gesperrt. Also wieder hoch zu der blöden Bundesstraße nach Miesbach (kostet Kilometer und Nerven), und als wir kurz hinter der oberbayerischen Kreisstadt endlich nach rechts bergauf abbiegen können, schwächelt der Akku plötzlich ganz massiv.
Es ist kurz vor 8 Uhr abends, erfreulicherweise sagt die Dame von der Rezeption, daß sie selbstverständlich noch auf uns wartet, aber einen Kilometer vor dem Ziel verlassen unser Rollerle die Kräfte!
Christine steigt ab: “Vielleicht schaffst Du es allein. Ich komm zu Fuß nach.” Immerhin gelange ich bis ins Dorf, aber zu unserem Nachtquartier sind es noch ein paar Höhenmeter. Damit nicht alles durcheinander kommt, laß ich den Roller erst mal stehen, hole unsere Zimmerschlüssel und treffe Christine wieder unten im Dorf.
Im Steakhaus zum Pfeiler, wo wie zu Abend essen, hat man zwar keine Steckdose draußen im Biergarten, aber ich darf meinen ausgebauten Akku gerne mit ins Lokal nehmen.

Herrlicher Blick aus dem Fenster im Hotel Reiter: Schliersee liegt uns zu Füßen.

Der Saft reicht locker bis hoch ins Hotel Reiter, dessen Seniorchefin aus Nürtingen stammt und wo wir sehr gut schlafen und mit einem tollen Blick aus dem Fenster wieder erwachen
161,3 Kilometer waren das ab Reutte. Wahrlich nicht schlecht.

Posted from Linz, Oberosterreich, Austria.

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