Durch den schwäbischen Wald – mit letzter Kraft

Puuuhhh!!!! Das ist noch gerade mal so gut gegangen. 50 Meter musste ich meinen Elektroroller sogar noch bergauf schieben, weil es in Untergröningen im Kochertal überraschenderweise  kurz vor der Ortsmitte dann doch noch hoch ging und die Roll-Energie nicht mehr ausreichte, um in den Brauerei-Gasthof Lamm zu kommen, der mir nun (da ich diesen Eintrag zu schreiben beginne) schon seit eineinhalb Stunden Strom-Asyl gewährt.
Bier-Sauerbraten und Nachtisch (Maracujasorbet mit Melone) waren prima, nun kann ich noch den Bericht über meine ersten drei Stunden Elektroroller-Expedition im Fernverkehrs-Test niederschreiben, damit er heute Abend nochs in Netz kommt.
Daß es solch ein Nervenkitzel werden sollte, war nicht absehbar, als ich mich am Sonntag um 10.30 Uhr in der Heiligkreuzstraße in Nürtingen auf die Reise machte.

Mit wieviel Reserve? Darum hab ich mich erst mal gar nicht gekümmert. Laut meiner subjektiven Erinnerung musste ich noch etwa 90 Prozent “Saft” im Tank haben. Und so wichtig war es ja gar nicht. Ging es doch erst einmal ums “Einrollen” bis zur Mittagszeit, dann würde ich schon weitersehen.
Und kamen wir über Oberboihingen, Wernau und Reichenbach flotter voran, als ich dachte. Allerdings hätte ich nicht vermutet, daß der Schurwald-Aufstieg nach Hegenlohe doch so anspruchsvoll ist. Stellenweise kann ich nur Tempo 25 fahren, aber oben auf der Höhe bringt der Emco dann doch wieder volle Leistung, als wäre nichts gewesen.
Beim Hinabrollen gen Schorndorf krieg ich wieder Hochgefühle: Ich kann die Akkus schonen, das läuft ja ganz von allein! Ich bedauere die armen Motorradfahrer, die sogar noch bergab Gas geben müssen, um zu zeigen, welch tolle Männer sie doch sind.

Im Städtle im Remstal  wird es dann verwirrend. Plötzlich bin ich in Urbach, wo ich eigentlich gar nicht hin wollte. Aber was soll’s: Ich kann mich ja einfach treiben lassen. In Plüderhausen freilich ist die Straße nach Lorch gesperrt. Kurz zuvor hab ich ein Schild in Richtung Bärenbachtal gesehen. Da fahr ich jetzt hin. Vielleicht kommt man da ja Richtung Welzheim.
Denkste. Sackgasse. Nur Radler dürfen in den Schwäbischen Wald hinein. Aber auf dem Wanderparkplatz, wo es quasi finito ist, treffe ich Boris Polak aus Winterbach mit seiner Frau. Sie geht nach ein paar Minuten schon mal zum Auto vor, aber er ist sehr interessiert an meinem Elektro-Roller. 30 Kilometer hat der nun in ziemlich genau einer Stunde geschafft.Wir verplaudern uns fast. Boris ist sehr skeptisch, was Elektro-Mobilität bei Autos anbelangt: “Aber so 50 Kilometer rund uns Haus herum, ist so ein Roller sicher Klasse! ”

Skeptiker in Sachen Elektromobilität: Boris Polak aus Winterbach

Recht hat er. Aber jetzt soll ja mal herausgefunden werden, wie gut der Emco ist, wenn ich mich mal eine größere Distanz von daheim entferne.

Notgedrungen geht es erst mal wieder zurück nach Plüderhausen. Dort wird auch eine Gefahr deutlich: Ein kleines Mädchen mit Schäferhund steht am Straßenrand. Der Vierbeiner hört mich nicht, rennt auf die Fahrbahn, zieht das Kind, das ihn nicht halten kann, hinterher. Im letzten Moment kann ich noch bremsen. Gottseidank.

Dank der Umleitung in Plüderhausen komme ich nun durch das Walkersbacher Tal. Idylle pur. Kleine Häuschen, tiefgrüne Wälder. Vor ein paar Tagen hat bei der Limes-Wanderung der Nürtinger Zeitung und ihrer Partner im nahen Schwäbisch Gmünd mein Kollege Heino Schütte von der Rems-Zeitung von einem “Bären-Alarm” vor ein paar Jahren hier erzählt. Obwohl ein Großaufgebot an Polizei im Einsatz war, fand man Meister Petz nie. Da hatte sich wohl jemand einen Scherz erlaubt und war in einem haarigen Kostüm durch den Tann getappt.

Zwischenstopp am Limes: das Ostkastell in Welzheim.

In Windeseile bin ich nun im Ostkastell in Welzheim, das auf mich bei der Nachtpatrouille mit unseren Lesern am Mittwoch großen Eindruck gemacht hatte. Hier stoppe ich kurz, um mir die Sache mal  bei Tag anzugucken.

Die zweite Stunde an reiner Fahrzeit ist dann in Gschwend um. 77,3 Kilometer habe ich ab der Nürtinger Stadtbrücke bis jetzt zurückgelegt. Gar nicht schlecht, finde ich.
Die “idyllische Straße”, die ich hier fahren wollte, scheint keine große Nummer zu sein. Ich sehe kaum noch ein Schild, Das ist mir jetzt auch Wurst. Hier komme ich auch so durch, das sind schließlich die Wälder meiner Jugend, in denen ich mit den Eltern Wandern und Pilze sammeln ging, hier lebten auch viele meiner besten Schulfreunde – und so geht es über Hönig, wo wir auf einer Obstwiese unser Abi gefeiert haben, nach Ruppertshofen, Tonolzbronn (wo ich es schade finde, daß die Stephanuskirche mit ihren Wurzeln im 10. Jahrhundert leider nach evangelischer Sitte geschlossen ist) und Eschach. Nachdem ich dort das Grab meines Freunds und Kollegen Otto E. Lackner (einst Sportredakteur im Mantelteil unserer Zeitung) besucht habe, schwächelt leider mein Vehikel. Als der Zeiger auf der “Tankanzeige” leicht zurück ging, hab ich mir nicht viel dabei gedacht. Aber nun geht es ratzfatz.

Das ist ein echtes Manko bei diesem Roller. Man kann sich auf “dürre Zeiten” nicht groß vorbereiten. Das geht dann binnen Minuten – und es läuft nichts mehr. Zumindest beim Roller. Und wenn es einen dann wie hier mitten im Schwäbischen Wald mit seinen Streusiedlungen trifft, dann ist das umso blöder. Aber ich hab nochmal Glück, drehe den Zündschlüssel auf “off” und warte ein paar Minuten. Das bringt immerhin noch so viel Saft, daß es bis zur Hangkante reicht.

Ab da schießt mein Gefährt auch ohne Strom ins Tal.
Die oben erwähnten 50 Höhenmeter zu schieben, kosten zwar eine Menge Schweiß, aber bei dem guten Essen im “Lamm” läßt sich das schnell verschmerzen.

Strom-Asyl im Kochertal: Der Brauerei-Gasthof Lamm in Untergröningen.

Nun sind zweieinhalb Stunden vorbei. Ich setzt mich wieder auf meinen Roller. Und bin gespannt, wie weit und wohin es heute noch reicht.

Auch das steht dann natürlich im Blog.